Opferrolle

Towanda

Also ich, in meinem ganz persönlichen Mikrokosmos, bin phasenweise sehr erfolgreich darin, nachvollziehbare Argumente zu finden, warum Dinge einfach nicht funktionieren.

Genau so leicht fällt es mir, auch sofort einen möglichen Schuldigen für mein Unvermögen zu benennen. Böse Zungen bezeichnen das auch als „Opferrolle“. Ich muss wohl sagen, dass mir dafür grundsätzlich eine breite Argumentationskette zur Verfügung steht.

Meine Gründe für ein Scheitern:

  1. Kinder: Dafür herhalten mussten über Jahre meine Kinder. Ist aber spätestens nach deren 3. bis 5. Lebensjahr nicht mehr wirklich glaubwürdig. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie leicht mögliche Argumente heute immer noch einen Weg nach draußen finden.
  2. Stress: ein mega Erfolgswort. (Auch als Widersacher bei allen anderen Dingen, an denen man festhalten will - sehr zu empfehlen) Das ist eigentlich am wirksamsten. Da traut sich auch kaum einer was zu entgegnen. Es fragt auch selten jemand nach. Kennt jeder -hat jeder.
  3. Offener Selbstbetrug: …ich verstehe das gar nicht … ich esse doch fast gar nichts. (ich schaffe es, beachtliche Mengen wie im Zeitraffer zu verschlingen, ohne es zu merken)
  4. Veranlagung: ich habe ja schon alles versucht, ist eben Veranlagung, …meine Oma, meine Tante…bla, bla, bla!
  5. Falscher Zeitpunkt: passt jetzt nicht. Lieber vor oder nach dem Urlaub. Im Sommer, Herbst oder Frühling, nach der Trennung, der Kündigung, der Mondphase, den Windpocken, ….nur jetzt gerade gar nicht.
  6. Man kann auch beliebig alle Varianten miteinander kombinieren: geht gerade gar nicht, bin im Stress wegen der Kinder, die sind gerade bei der Oma und haben Windpocken. ???? Oder so…

 

Zum Thema Opferrolle:

Wer kennt diesen großartigen Film: Grüne Tomaten?

Also für mich ist die beste Szene in diesem Film, als die Protagonistin von zwei echten Arschlochmadams der Parkplatz vor der Nase weggenommen und sie auch noch ausgelacht und beschämt wird. Sie ist erst maximal frustriert. Plötzlich sieht man wie ihre Verletztheit und Betroffenheit sich verwandelt in einen bahnbrechenden, begeisternden Wutanfall. Es erschallt ihr Schlachtruf: „Towanda“. Sie fährt einmal in das Auto der Arschlochmadams rein und anschließend mit noch größerem Wumm ein zweites Mal. Mit den Worten, die sie völlig euphorisch raushaut: „Ich bin zwar älter und dicker als ihr. Dafür habe ich aber die bessere Versicherung.“

Dieses Gefühl habe ich als Lebensgefühl übernommen. Es hilft mir oftmals, mit Ungerechtigkeiten klarzukommen und dem nicht ohnmächtig zu begegnen. Aber vor allem erinnert Towanda mich daran, dass es immer meine Haltung ist, die mein Leben bestimmt. Es sind nicht die Umstände. So kann es sein, dass ich aus einer Situation, die vordergründig nicht wirklich gut zu laufen scheint, durch eine schlichte Veränderung der Perspektive eine ganz neue Betrachtungsweise erfährt. Es gelingt mir nicht immer – aber immer öfter. In diesem Sinne: TOWANDA

Zurück

Einen Kommentar schreiben