Wahrnehmung

"Komisch - ich hatte mich irgendwie dünner in Erinnerung"

Du stehst in einer lecker kleinen Boutique vor einem wunderschönen Spiegel - vorzugsweise in barockem Gold. Schaust voller freudiger Erregung hinein, um Dich noch mal zu vergewissern, wie gut Dir dieses wunderbare Kleidungsstück Deiner Wahl steht. Du schaust hin - schaust noch mal hin und denkst: „Komisch- ich hatte mich irgendwie dünner in Erinnerung.“

 

Kleidergrößendemenz

Dem ist allerdings schon eine erste Irritation vorausgegangen. Nämlich die Auswahl der Kleidergröße. Obschon ich glaube, dass diese nun folgende schräge Nummer außer mir hoffentlich niemand kennt, möchte ich es nicht unerwähnt lassen. Also: Neben meiner Umfangsdemenz kommt leider eine noch viel bedrohlichere Kleidergrößendemenz hinzu. Ich greife auch nach nunmehr 15 Jahren immer noch beherzt zu Kleidergröße 38. (Also bei realer Gr.42) In hartnäckigen Fällen auch schon mal zu einer 36. (Ganz besonders, wenn das Kleid türkis ist.) Dass dazwischen schlimmstenfalls 3 Größen stehen, hat mein Gehirn, also genau der Teil, der für die Weiterverarbeitung von lebenswichtigen Informationen zuständig ist, definitiv noch nicht akzeptiert.

Aber um sich wirklich konsequent schlecht zu fühlen, reicht eigentlich schon die schmerzhafte Erkenntnis vor diesem barocken Spiegel. Da steh ich nun, sehe aus wie eine spezielle Laune der Natur und die Verkäuferin schaut mich – und das ist jetzt das eigentlich Schlimmste,- schaut mich mitleidig an und fragt zögerlich, ob sie mir vielleicht doch eine Nummer größer holen darf.

Und – natürlich darf sie nicht!!!

An guten Tagen falle ich nicht direkt in eine Problemtrance. Sondern sage erhobenen Hauptes – indem ich versuche, dabei noch einigermaßen regelmäßig Luft zu bekommen und so gelassen ich es eben noch rausschreien kann: „Nein – es geht schon. Ich finde es gerade schön, wenn es ein bisschen enger sitzt. Figurbetont!“ Spätestens jetzt realisiere ich, dass ich mich bereits auf dem Konfliktniveau einer Dreijährigen bewege, was die Situation insgesamt nicht wirklich entschärft.  Also: „Ganz dünnes Eis“.

So landet das Objekt meiner Begierde, trotz besseren Wissens, zielgerichtet in meiner Tasche.

Die gute Nachricht ist: Ich kann nichts wegschmeißen. Weil ich ja seit 15 Jahren nur quasi vorübergehend etwas zu dick bin. Die schlechte – all diese Fehlkäufe schauen mich klagend an, sobald ich meinen Kleiderschrank öffne.

Aber jetzt, da ich mich entschieden habe, wirklich abzunehmen, schaue ich voller Zuversicht in meinen Schrank und sage jedes Mal, wenn ich nun den Schrank öffne: „Hey, in absehbarer Zeit werden wir eine geile Zeit zusammen haben. Und selbst wenn Du ein Winterkleid bist, werde ich zur Schneekönigin."

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Stephanie T. |

Großartig!!! Mehr mehr!