Glaubenssätze

Ich lass los 

Welches Mädel kennt nicht die Disney Fassung von der Schneekönigin. Die Botschaft lautet, dass Du frei bist, sobald Du loslässt. Schon das Wort Freiheit scheint direkt einen euphorischen Schub auszulösen. Ich habe erlebt, dass gerade Kinder dieses Lied mit einer Kraft und Überzeugung singen, die mich nachhaltig schwer beeindruckt hat. (Obschon mein heimlicher Favorit Olaf ist, der von Hape Kerkeling synchronisiert wurde). Aber bleiben wir mal bei dem Wort „Freiheit“.

Ich habe häufig Klienten bei mir, die diesen Wunsch mit einer Sehnsucht aussprechen, die mir ein bisschen Angst macht. In der Regel frage ich nach: „Was bedeutet es für Sie konkret, sich frei zu fühlen. Wo spüren Sie das?“ Reaktion: Irritation, nachhaltiges Schweigen sind oft die Folge. Nach einer kleinen Weile kommen dann Sätze wie: „Tun was ich will, lebendig fühlen, ich sein dürfen ohne Zwänge und Kontrolle.“

 

Philosophisches Kopfkino

Nun ein bisschen philosophisches Kopfkino: „Freiheit kann nur als Gutes innerhalb eines bestehenden Wertesystems funktionieren.“ Geh mal mit Schlips und Kragen in ein von Autonomen besetztes Haus; als Zeuge Jehovas zur Bluttransfusion ins Krankenhaus; als islamische Kopftuchträgerin in ein Neonazilager; als Kind nicht in die Schule; als Erwachsener nicht zur Arbeit;Denk Dir einen Friseur, der nur noch Frisuren macht, die dem eigenen Geschmack entsprechen… die Liste der möglichen Unfreiheiten ist lang. Freiheit ist die „Die Abwesenheit von Zwängen und Einschränkungen.“

Auf 3 Sat wurde das am Beispiel eines Pferdes sehr anschaulich beschrieben.

Ausgangspunkt: Ein Pferd steht auf einer Wiese und es gibt keinen Zaun. Das Pferd hat 4 Optionen. 1. Galoppieren, 2. Pferdeäpfel absetzen, 3. Grasen, oder einfach 4. Rumdümpeln. Bei der negativen Freiheit nutzt das Tier keine dieser Optionen. Bei der positiven Freiheit entscheidet sich das Pferd für eine oder mehrere Möglichkeiten.

Ich finde dieses Beispiel großartig. Ich habe oft erlebt, dass ich mich in meinem Leben so verhalten habe, als wäre da ein Zaun. Ein gefährlicher Elektrozaun. Dabei hätte ich jederzeit die Freiheit gehabt, ein Buch zu lesen, zu schlafen, einfach Dinge zu tun, die mir guttun. Die mein Ich stärken oder meinen Selbstwert streicheln. Mein imaginärer Zaun besteht aus Schuldgefühlen, gefühltem Zeitmangel oder den äußeren Umständen. Ein Gefühl, in Zwängen und Unfreiheit zu leben.

 

Entscheidungen treffen

Für mich fängt die Freiheit mit der alltäglichen Wortwahl an. Das Wort „muss“. Ein sehr destruktives Wort. Dieses Wort macht definitiv unfrei. Ich habe es ausgetauscht durch: ich werde, ich möchte, ich entscheide mich für. Diese Empfehlung habe ich schon vor 20 Jahren bekommen, aber alles braucht seine Zeit. Auch das ist Freiheit. Etwas annehmen zu können. Freiheit bedeutet auch, eine Wahl zu haben zwischen den Worten „Ja“ und „nein“.

 

Warum fällt es so schwer, loszulassen?

Am Anfang steht das Wort. Der Gedanke. Dann kommt die Handlung. (Jens Garssen: Der Selbst- Entwickler)
Ich habe einmal jeden meiner destruktiven Gedanken aufgelistet, der mich am Loslassen hindert.

Also da wären meine Top ten:

  1. Nimm dich nicht so wichtig
  2. Du hast kein Durchhaltevermögen
  3. Sei nicht so egoistisch
  4. Du hast keine Geduld
  5. Stell dich nicht so an
  6. Du bist immer unzufrieden
  7. Du bist schlampig
  8. Sei nicht immer so egozentrisch
  9. Sei doch mal realistisch
  10. Sei nicht so empfindlich

Wenn ich mir vorstelle, dass sich all diese Stimmen oben auf meinen Schultern häuslich eingerichtet haben, bin ich schon beeindruckt von meiner Leidensfähigkeit. Wenn ich diese Glaubenssätze so lese, registriere ich, dass es alles Bewertungen sind, die von meinen Eltern stammen. Meine Eltern sind tot. Und Ich habe diese Stimmen so verinnerlicht, dass sie ihre Wirkung immer noch nicht verfehlen.

Aber nehmen wir jetzt mal wahllos eine Selbstannahme von mir:

„Ich bin schlampig.“

Nun eine typische Situation. Sie passiert jetzt gerade. In diesem Moment. Ich sitze hier am Küchentisch. Der Tisch ist zugemüllt mit tausend Dingen, die die Welt nicht braucht. Zeitungen, einer Wasserflasche vom Training, Milch, einer Verlängerungsschnur, 7cd s, einer Gott sei Dank noch frisch verpackten Monatsbinde meiner Tochter, einem Schraubenzieher, mittlerweile 4 toten Fliegen…In all dem Chaos sitze ich mit meinem Laptop.

Warum tue ich das?

Was ist das positive daran?

Was war vor dem Gedanken, mich an den Küchentisch setzten zu wollen, um zu arbeiten? Diese konkrete Frage stelle ich auch meinen Klienten, bei der Anamnese. Im Vorgespräch erfahre ich, was der Gedanke war, bevor dem Wunsch (oder Zwang) nach Essen nachgegeben wird. In der Regel wird ein Konflikt im Bereich des Selbstwert benannt.

Ohne Störung hoch motiviert direkt anfangen zu können. Das starke Verlangen, meine Gedanken direkt aufschreiben zu können. Meine morgendliche Konzentration direkt zu nutzen. Aber im Grunde steht meine Befürchtung dahinter: Würde ich erst alles wegräumen, hätte ich im Anschluss keine Motivation mehr zum Schreiben. Also auch die Angst: Ich schaff es nicht! Ich bin zu willensschwach.

Leider:

  • hat es eine Weile gedauert, bis ich meine Notizen wiedergefunden habe, weil sie unter der Zahnpastatube und dem Pflaster, das ich gestern Abend noch gebraucht habe, verborgen waren.
  • habe ich ständig das Gefühl, etwas suchen zu müssen.
  • ziehe ich damit auch andere Menschen rein. Wenn ich meinen Autoschlüssel suche, der im Bad neben dem Waschbecken liegt, während meine Kinder zur Schule müssen.
  • kann ich auch schlecht kochen, wenn die Töpfe von den beiden vorangegangenen Tagen noch dreckig auf dem Herd stehen.
  • fühle ich mich schlecht mit dieser Verhaltensweise

 

Perspektivenwechsel

Meine Gedanken bestimmen also meine Handlung und meine Handlung erzeugt Gefühle. (Hier ein kleiner Exkurs zu Jens Corssen, dem Selbstentwickler) Ich entschließe mich nun, den Kontakt zum gegenwärtigen ich wahrzunehmen. Finde heraus, was mir wirklich entspricht. Ich eliminiere nicht nur alte, unbrauchbare Glaubenssätze und ersetzte sie durch neue, die irgendwie positiv klingen. Ich synchronisiere mich:

  1. Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben
  2. Ich verhalte mich konsequent
  3. Ich sorge gut für mich
  4. Ich nehme Dinge gelassen hin
  5. Ich bestimme meine Grenzen
  6. Ich finde meinen inneren Frieden
  7. Ich erledige alles sofort und sorge für Struktur und Ordnung in meinem Leben
  8. Ich habe ein gutes Gefühl für meine Mitte
  9. Ich habe einen guten Realitätssinn
  10. Ich habe eine gute Selbstwahrnehmung

Mein Leitsatz wird sein: Ich nehme mich so an wie ich bin. Mit all meinen Stärken und Schwächen!

Nelson Mandela sagte einmal: „Wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“ Diesen Satz finde ich sehr tröstlich.

 

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Kommentar von UGra |

Liebe Kerstin,
dank deiner Hilfe in den letzten zwei Jahren habe ich für mich ja fast dieselben neuen Glaubenssätze für mich aufgestellt wie du sie für dich.
Es ist schön immer mehr Veränderungen an mir zu erkennen, die auch anderen Menschen auffällt.
Wie das mit dem Glauben so ist, es gelingt einem nicht immer, aber wir beide werden weiter daran arbeiten.
Was einem lange auf der Schulter sitzt und einem einflüstert, kann nicht auf einmal abgeschüttelt werden. Aber wir schaffen das und werden unser Leben befreiter genießen.
An alle anderen LeserInnen: Es lohnt sich, diesen Schritt zu wagen. Auch wenn der Weg dann nicht immer nur gerade verläuft. Man kann nur gewinnen!!!
In dem Sinne viel Erfolg dabei!!
UGra