Essen und Schuldgefühle

Nachdem ich jetzt schon einige Klienten zum Thema „Wohlfühlgewicht“ hier behandeln durfte, stelle ich fest, dass das Thema Schuld in Verbindung mit Essen immer präsent ist.

So, jetzt bewegen wir uns mal kurzfristig auf ganz dünnem Eis. Die meisten Menschen mit Essstörungen kennen folgendes Phänomen:

Es gibt die guten Vorsätze, dann die Lust und schließlich den Frust.

 

Bei mir sah das noch vor kurzem so aus:

Die Fressorgie

Ich schaue abends in den Kühlschrank und mache mir ein kleines Salätchen. Ganz absichtslos und kultiviert.
Da kommt der erste Gedanke angeflogen: Vielleicht doch noch ein Stückchen von der Schinkenwurst? Aus dem einen Stückchen ist nach kurzer Zeit die ganze Wurst geworden. Dann denke ich: und was jetzt? Meine Lust ist geweckt. Da sind doch noch die Toffifee, die ich für ein eventuelles Picknick der Kinder gekauft habe. Ach- so ein bisschen naschen ist ja nicht schlimm. Habe ja gestern schon keine Süßigkeiten gegessen. Ich mache die Packung auf. Und zack - halb leer. Wieder zurück an den Kühlschrank- oh da ist ja noch der Kartoffelsalat von gestern. Da war der Kartoffelsalat… auch plötzlich alle. Na, dann kann ich die Packung mit den Toffifee auch ganz essen. Worauf habe ich denn noch so Lust…? Die Erdnüsse. Boah, genau. Die sind jetzt genau das richtige. Mit den Cashewkernen. Die sind eh schon offen.

 

Meine Einschlafhilfe

Diese Fressorgie findet dann irgendwann ein jähes Ende. Ich fühle mich scheiße. In jeder erdenklichen Art und Weise. Vollgefressen und kurz vor platz. Die ersten kleinen Armeen von Schamgefühlen marschieren auf. Sie kommen im lauten Gleichschritt auf mich zu. Ich höre schon, wie jemand schreit: „Das Gewehr anheben…“. Ich spüre die Panik in mir aufkommen: ablenken, raus hier, nicht fühlen, nicht leiden… ablenken...fernsehen. Anders ist diese Niederlage nicht zu ertragen. Ich kann mich beim Fernsehen aber auch auf nichts richtig konzentrieren. Fühle mich minderwertig und als totaler Versager. Willensschwach und meiner Sucht ausgeliefert. Gehe ins Bett mit dem Vorsatz, dass das nie wieder passiert und ich die nächsten Abende eisern hungern werde. Sozusagen meine Einschlafhilfe.

An diesen wohlgemeinten Vorsatz kann ich mich am nächsten Tag natürlich nicht mehr erinnern. Es war wie ein böser Traum. Wenn ich viele solcher „Träume“ hintereinander habe, registriere ich irgendwann, dass ich mich nicht nur fett fühle, sondern mir der Blick in einen Spiegel diese Vermutung auch bestätigt.

Dann dauert es erfahrungsgemäß noch eine Weile. Ich entschließe mich, abzunehmen. In der Regel schaffe ich 3 bis 4 Kilo. Fühle mich besser und alles geht langsam wieder von vorne los. Willensschwach?

 

Süchte

Nein – nach all meinen beruflichen Weiterbildungen habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass hinter jeder Sucht ein Mangel steht. Dieser Mangel sorgt immer wieder für Beachtung. Bei Kindern würde man von negativer Aufmerksamkeit sprechen. Süchte erinnern uns daran, dass wir etwas brauchen. Dass uns etwas Entscheidendes fehlt. Dass wir etwas wichtigem in unserem Leben keine Aufmerksamkeit schenken. Ob wir nun rauchen, fressen, vögeln, saufen oder zu viel Sport treiben. Ein zu viel nach außen bedeutet oft ein Mangel drinnen.

 

Karl Heinz

Hinter den meisten Süchten steckt „der kleine Selbstwert“, der gerne wachsen würde. Nennen wir ihn Karl Heinz. Der kleine Karl Heinz bräuchte am allernötigsten Wertschätzung. Er ist es aber  gewohnt, immer wieder ignoriert und entwertet zu werden, sodass er diese Erwartungshaltung und Selbsteinschätzung verinnerlicht hat. Ich bin nix wert. Solange der „kleine Selbstwert“ dieser Annahme erlegen ist, können ihn weder die Anerkennung von außen noch diverse Liebesbekundungen vom Gegenteil überzeugen. Karl Heinz müsste dafür erst mal lernen, sich selber richtig lieb zu haben. Aber wie soll das funktionieren?

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Kommentar von Bianca |

Die Lust ist das Schlimmste! Die Süßigkeiten waren bei mir auch mal Thema und sehr präsent. Abends mal dies mal das genascht und immer fleißig Leckereien eingekauft für eventuellen Besuch. Da hat man sich schon was vor gemacht, weil man es sowieso selber gegessen hat. Fazit: Ich kaufe erst gar keine Süßigkeiten mehr ein sondern hole lediglich etwas wenn ich weiß "Ah morgen bekommen wir Besuch". Was nicht da ist kann auch nicht gegessen werden. Klappt super bei mir!